PEKING Als Fan Danhong* ihre Wohnung in der nordchinesischen Stadt Shijiazhuang betritt, zieht sie zwei CDs unter dem Pullover hervor. Sie zeigen eine Gala zum chinesischen Neujahrsfest, Ende Januar veranstaltet von der in China verbotenen buddhistisch inspirierten FalunGongBewegung. Eine Anhängerin der Bewegung hat die Gala mit AntizensurSoftware aus dem Internet heruntergeladen und CDs zum Verteilen gebrannt. Fan ist Ende 40 und praktiziert die Atem und Meditationstechniken von Falun Gong seit 12 Jahren. «Falun Gong heilt den Körper und hilft uns, gute Menschen zu sein», sagt sie, «deshalb machen wir trotz Verbot und Verfolgung weiter.»
Von KRISTIN KUPFER © SonntagsZeitung
Seit 10 Jahren bekämpft die chinesische Regierung Falun Gong als «bösen Kult». Sie beschuldigt den Gründer der Bewegung, Li Hongzhi, betrügerischer Machen schaften und politischer Ziele. Als am 25. 4. 1999 mehrere Zehntausend Anhänger friedlich im zentralen Regierungsviertel in Peking protestierten, wurde Falun Gong verboten. Chinas Kommunisten sehen die Bewegung, die rund 70 Millionen Menschen aus allen Bevölkerungsschichten für ihre Morallehre von «Wahrhaftigkeit, Barmherzigkeit und Toleranz» begeistern konnte, als organisatorische und ideelle Konkurrenz. Nach Angaben internationaler Menschenrechtsgruppen sind noch immer mehrere Hunderttausend Anhänger in Arbeitslagern eingesperrt. Das FalunGong Informationszentrum in New York hat 87 000 Fälle von Folter dokumentiert. Bis Ende 2008 sind mindestens 3242 Anhänger durch Folter und Verfolgung gestorben. Die Anhänger leben in ständiger Angst vor Verfolgung Die Möglichkeit organisierter Strukturen und die öffentliche Präsenz der Bewegung in China wurden zerschlagen. Doch viele Anhänger praktizieren wie Frau Fan allein im Verborgenen. «Nach unseren Schätzungen hat sich die Anhängerzahl seit 1999 nicht wesentlich geändert», sagt Levi Browde, Geschäftsführer des In formationszentrums von Falun Gong in New York. Die Einschätzung basiere auf Dutzenden täglich eingehender Faxe und Mails aus ganz China sowie den Zugriffen aus China auf eine im Ausland registrierte spezielle Website.
Fan Danhong unterschrieb 2003, nach zwei Monaten «Um erziehung» mit Schlafentzug und Folter, eine «Läuterungserklärung». Kaum zu Hause, bereute sie das und begann erneut Falun Gong auszuüben, in ständiger Angst vor Verfolgung. «Andere Praktizierende besuche ich nur sporadisch», sagt sie, «per Telefon oder Mail ist die Kommunikation zu gefährlich.» Die Zukunft von Falun Gong sieht sie aber optimistisch. Ihre Kollegen und Nachbarn wüssten teilweise Bescheid, und tolerierten oder unterstützten sie gar. Fan prophezeit: «Mehr und mehr Chinesen werden sehen, dass Falun Gong eine gute Sache ist.»
* Name geändert
SonntagsZeitung, 26.04.2009
© SonntagsZeitung
www.sonntagszeitung.ch