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[01.09.2009]
DiePresse.com: "Du bist niedriger als ein Hund!"


Seit zehn Jahren verfolgt China Anhänger der Falun Gong und lässt sie in Arbeitslagern "umerziehen". Wei Liu ist eine von ihnen. diepresse.com sprach mit ihr über ihre 16-monatige Inhaftierung.

17.07.2009 | 09:42 |  von Magdalena Raos (DiePresse.com)


diepresse.com: Falun Gong wurde am 20. Juli 1999 verboten. Wie haben Sie die Zeit vor dem Verbot erlebt?

Wei Liu: Vor dem Verbot konnte man sich als Falun Gong-Praktizierende in der Öffentlichkeit noch sehr frei bewegen. Damals war es möglich, die Medidationsübungen gemeinsam mit anderen Chinesen sogar in meiner Mittagspause bei der Arbeit ausführen. Falun Gong hat damals in China viele Auszeichnungen bekommen und wurde für seine guten Wirkungen auf die Menschen gelobt. Sogar die Regierung war positiv gegenüber Falun Gong eingestellt. Man konnte das ganz frei ausüben, es war sehr locker. Die Mitglieder von Falun Gong waren in allen Gesellschaftsschichten zu finden. Ich kannte Hausfrauen, Professoren, Kinder...

diepresse.com: Wurde Falun Gong vom chinesischen Regime unterstützt?

Wei Liu: Ja. Ich kann mich daran erinnern, dass ich auch von Seiten der Regierung über die guten Wirkungen von Falun Gong für Körper und Geist gehört habe.

diepresse.com: Das Verbot kam also schlagartig?

Wei Liu: Ja. Es kam sehr überraschend. Trotzdem weiß ich, dass seit 1996 schon heimlich Spitzel bei den Falun Gong eingeschleust worden sind, um uns auszuforschen. Sie sollten herausfinden, was Falun Gong genau ist. Eine dieser Personen hat sogar ganz locker zu uns gesagt: „Wissen Sie, woher ich komme? Ich bin ein heimlicher Polizist. Ich untersuche die Falun Gong." Die Kommunistische Partei wusste ganz genau über uns Bescheid.

diepresse.com: Wann haben Sie sich dazu entschlossen, Falun Gong zu praktizieren?

Wei Liu: 1995. Ich bin die einzige in meiner Familie, die Falun Gong ausübt. Meine Eltern haben es zwar auch versucht, doch dann ist es ihnen zu gefährlich geworden. Der Preis dafür war einfach zu hoch. Sie haben sich dann nicht weitergewagt.

diepresse.com: Kommen wir auf Ihre 16-monatige Gefangenschaft in einem Frauenarbeitslager in Peking zu sprechen. Warum wurden Sie überhaupt verurteilt?

Wei Liu: Ich habe Informationsprospekte über Falun Gong an meinem Arbeitsplatz vergessen. Daraufhin hat mich ein Arbeitskollege angezeigt. Das hat für eine Anklage gereicht. Damals sagte man mir noch, ich dürfte meine Haft in meinem Heimatort in der Provinz absitzen. Das hat man mir wirklich felsenfest versprochen. Aber in Wirklichkeit wurde ich in ein Frauenarbeitslager nach Peking geschickt. Als meine Familie nach mir gesucht hat, hat sie nichts von meinem Verbleib gehört. Ich war verschwunden.

diepresse.com: Was können Sie über die Zeit Ihrer Inhaftierung berichten? Was mussten Sie machen?

Wei Liu: In den chinesischen Arbeitslagern versucht man, Falun Gong-Praktizierende durch Gehirnwäsche und Folter von ihrem Glauben abzubringen. Gleich am ersten Tag wurde ich von anderen Menschen getrennt und alleine in einen dunklen Raum gesperrt. Ich wurde gezwungen, auf einem ganz kleinen Hocker ganz gerade zu sitzen und durfte mich überhaupt nicht mehr bewegen. Stundenlang. Das war einfach schrecklich. So ging es dann auch weiter. Man zwang mich täglich, in einer hockenden Position für mehrere Stunden auf dem Boden zu kauern. Das ist fast unmöglich, beim ersten Mal musste ich mich nach zwanzig Minuten einfach bewegen. Daraufhin kam sofort ein Polizist, der mich anschrie. Sie sagten dann oft Sachen wie: „Ich bin Gott und du bist sogar noch niedriger als ein Hund!" Sollte man einmal tatsächlich vor Erschöpfung in Ohnmacht fallen, musste man sich zur Strafe vier Stunden lang an eine Wand stellen. Ich war jeden Abend sehr erschöpft und wollte einfach nur schlafen. Doch das war auch Tabu. Sobald ich meine Augen nur eine Minute lang geschlossen habe, kam sofort ein Polizist. Ich durfte ingesamt nur zwei Stunden pro Nacht schlafen und nur dreimal am Tag für zwei Minuten auf die Toilette gehen. Irgendwann tat mir der ganze Körper weh, weil ich es einfach nicht mehr ertragen habe. Ich war so schwach, dass mir das Atmen schwerfiel und ich fürchtete, den Verstand zu verlieren. Ich wollte nur noch nach Hause. Das ist Folter, ohne dass ein Tropfen Blut fließt. Aber es ist Folter.

diepresse.com: Sie haben dann ein Dokument unterschrieben, das Sie dazu verpflichtet, Falun Gong abzuschwören. Wie ging es danach weiter?

Wei Liu: Dann ging es erst richtig los. Ich musste 15 Stunden pro Tag Zwangsarbeit verrichten. Von fünf Uhr morgens bis zehn Uhr abends habe ich Pullover gestrickt. Bevor wir Gefangenen schlafen gehen durften, wurden wir dazu gezwungen, auf einem Blatt Papier niederzuschreiben, was wir an diesem Tag alles gelernt haben und wie furchtbar Falun Gong ist. Einmal musste ich tausende Anschuldigungen gegen Falun Gong vor laufender Kamera vorlesen. Das sollte den Neuankömmlingen im Lager als Warnung vorgespielt werden. Die Polizisten setzten mich auch zur Überwachung der neuen Häftlinge ein. Ich kann mich an eine alte Dame erinnern, die ein Jahr lang nur zwei Stunden pro Nacht schlafen durfte. Das war furchtbar, ich dachte nur: "Du bist eine Falun Gong-Anhängerin! Du möchtest Wahrhaftigkeit, Barmherzigkeit und Nachsicht vertreten. Das passt doch nicht zusammen!" Es ist seelische Folter, wenn du deinen eigenen Glauben schlecht machen musst. In der Nacht, als alle anderen schliefen, habe ich trotz Überwachungskameras heimlich geweint.

diepresse.com: Sie wurden während Ihrer Gefangenschaft auch körperlich untersucht.

Wei Liu: Bevor ich in das Arbeitslager kam, war ich ungefähr 50 Tage in einem Untersuchungsgefängnis in Peking untergebracht. Dieses Gefängnis ist sehr groß, über tausend Häftlinge waren dort und darunter sicher 200 Falun Gong-Praktizierende. Eines Tages kam viel medizinisches Personal mit ganz vielen technischen Geräten. Sie führten an uns, und zwar nur an uns Falun Gong-Praktizierenden, Untersuchungen durch. Mir wurde Blut entnommen, meine Blutgruppe wurde festgestellt und mein Herz durch einen EKG untersucht. Wir fragten, warum das Ganze notwendig sei, doch die Polizisten antworteten nicht darauf. Da wir in der Untersuchungshaft schon gefoltert worden waren, schien es eher unmöglich, dass ihnen unsere Gesundheit am Herzen lag. Nach den Untersuchungen erhielten wir keine Benachrichtigung über unseren körperlichen Zustand. Das war wirklich seltsam.

diepresse.com: Laut dem Menschenrechtsanwalt David Matas und seinem Anwaltskollegen David Kilgour sind Falun Gong-Praktizierende in China Opfer von Organentnahmen am lebendigen Leib. Haben Sie etwas in diese Richtung geahnt? (Anm.: Die beiden Kanadier haben 2006 einen Untersuchungsbericht veröffentlicht, in dem sie zu dem Schluss kommen, dass in China Falun Gong-Praktizierende durch Organentnahme für Transplantationszwecke ermordert werden.)


Wei Liu: Nein, darüber wussten wir überhaupt nichts. Ich habe einen Polizisten gefragt, warum die Untersuchungen notwendig sind. Er sagte, dass Falun Gong gut für die Gesundheit sei und dass sie nur prüfen wollten, ob das wirklich so ist. Als ich ins Arbeitslager gekommen bin, wurde ich noch dreimal untersucht. Da kam dann der ganze Körper dran. Auch damals verschwieg man uns den Zweck. 2006 habe ich dann von dem Organraub gehört. Damals hatte ich die Untersuchungen fast schon wieder vergessen. Sofort ist mir eingefallen: „Aha deswegen! Das war eine Vorbereitung für die Entnahme." Für die Transplantation muss man nämlich vollkommen gesund sein und Falun Gong-Praktizierende sind das in der Regel, weil sie nicht rauchen und trinken und keine sexuellen Krankheiten haben.

diepresse.com: Sie sind nach 16 Monaten freigekommen. Warum glauben Sie, dass die Wahl nicht auf Ihre Organe gefallen ist?

Wei Liu: Sie scheinen für den Patienten nicht gepasst zu haben. Und ich hatte einfach großes Glück.

diepresse.com: Warum verfolgt das chinesische Regime ausgerechnet Falun Gong so brutal? Was macht diese Gruppierung so gefährlich?

Wei Liu: Falun Gong ist alles andere als gefährlich, sondern sehr friedlich. Warum verfolgt die Kommunistische Partei gerade Falun Gong? Ich habe das lange Zei auch nicht verstanden. Falun Gong bezieht sich auf die drei Prinzipien Wahrhaftigkeit, Barmherzigkeit und Nachsicht. Die Kommunistische Partei dagegen ist gewaltsam und lügt. Sie hat eine Diktatur errichtet und Millionen Chinesen umbringen lassen. Das widerspricht den Werten der Falun Gong. Vielleicht ist es einfach wegen diesem krassen Gegensatz, dass sie uns so hassen. In Hongkong, Taiwan, auf der ganzen Welt darf man Falun Gong ausüben, nur in China nicht. Es ist ein bisschen mit dem Massaker am Tian'anmen Platz zu vergleichen. Sind Studenten gefährlich? Nein. (Anm.: Am 3. und 4. Juni 1989 gingen chinesische Truppen mit Panzern und scharfer Munition gegen demonstrierende Studenten auf dem Tiananmen-Platz vor. Diese hatten demokratische Reformen gefordert. Vermutlich wurden bei der Niederschlagung der Proteste mehrere tausend Studenten und Aktivisten getötet. Genaue Zahlen gibt es nicht.)

diepresse.com: Das Regime handelt also irrational.


Wei Liu: Ja. Und es nutzt dafür einen massiven Propaganda-Apparat. Es gab vor dem Verbot 100 Millionen Chinesen, die Falun Gong praktiziert haben. Die Mehrheit der Chinesen war uns gegenüber positiv eingestellt. Doch nach dem 20. Juli 1999 berichteten alle Medien rund um die Uhr gegen die Falun Gong. Das ist wie eine Gehirnwäsche. In China gibt es viele Menschen, die vor dem Verbot gar nicht wussten, was Falun Gong ist. Sie hassen uns jetzt.

diepresse.com: Aktuell steht China wegen der gewaltsamen Niederschlagung der Uiguren-Proteste in Xinjiang im Mittelpunkt der Medienberichterstattung. Auch das Vorgehen gegen die tibetischen Mönche hat vor einem Jahr hohe Wellen geschlagen. Wie haben Sie das, als Verfolgte des Regimes, aufgenommen?

Wei Liu: In China wird kaum etwas über die Uiguren oder Tibeter berichtet. Selbst über die Ausschreitungen hat man sehr wenig gehört. Wegen der Hetzpropaganda hassen die Han-Chinesen beide Bevölkerungsgruppen. Bei den Falun Gong ist das so ähnlich. Viele Medienleute wussten zunächst nicht, was Falun Gong überhaupt ist, sie wussten nur, was sie von der Partei gehört haben. Die chinesische Botschaft verbreitet im Ausland falsche Informationen. Außerdem gilt das Hauptinteresse im Ausland den wirtschaftlichen Beziehungen. Die werden über alles andere gestellt.

diepresse.com: Wie werden die nächsten zehn Jahre ausschauen? Werden Sie nach China zurückkehren können?

Wei Liu: Ich bin zuversichtlich, dass alles sich positiv entwickelt wird. Immer mehr Menschen treten im Internet unter einem falschen Namen aus der Kommunistischen Partei aus. Die Seite ging 2004 online und es sind jetzt schon über 57 Millionen ausgetreten. Das Internet klärt die Leute auf. Es gibt jeden Tag in China um die hundert Demonstrationen. Ich bin ganz sicher, dass sich da bald was tun wird.

diepresse.com: Frau Liu, ich danke für dieses Gespräch!


Liu Wei wurde 1972 in China geboren. Seit 1995 praktiziert sie Falun Gong. Als sie an ihrem Arbeitsplatz, einer deutschen Firma in Peking, Informationsbroschüren über die Meditationsgruppe vergaß, wurde sie angezeigt und verhaftet. Ohne Gerichtsverfahren landete sie in einem Arbeitslager, wo sie 16 Monate lang "umerzogen" wurde. Heute lebt Liu im deutschen Dortmund.

(Quelle: Die Presse.com)
http://diepresse.com/home/politik/aussenpolitik/495608/index.do?direct=495592&_vl_backlink=/home/politik/anschluss/495592/index.do&selChannel=






       

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