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Was den Patienten nur verklausuliert mitgeteilt wird – die Organe stammen in ihrer überwiegenden Mehrzahl von Hingerichteten, die noch leben, wenn die Empfänger anreisen. Dabei rühmen sich die chinesischen Stellen sogar zwischen den Zeilen ihrer bizarren Praxis: „Wir entnehmen unsere Organe keinen Menschen, die schon hirntot sind, denn das würde den Zustand der Organe beeinträchtigen.“ Neuerdings bestätigen auch höchste chinesische Stellen, dass Gefängnisse und Straflager als Vorratskammern für menschliche Ersatzteile dienen: „Außer einem kleinen Teil von Verkehrsopfern stammen die meisten Organe von hingerichteten Gefangenen“, gestand Vize-Gesundheitsminister Juang Jiefu vergangenes Jahr. Allerdings: Die Todeskandidaten hätten dem zuvor zugestimmt. Davon kann keine Rede sein, sind David Matas und David Kilgour überzeugt. Matas, ein renommierter kanadischer Menschenrechsanwalt, und Kilgour, ehemals Staatssekretär im dortigen Außenministerium, haben die chinesische Organhandels-Praxis minutiös recherchiert und in einem Aufsehen erregenden Report zusammengefasst. Ihr Resümee: In den vergangenen sechs Jahren hat Chinas Transplantationsmedizin, davor noch praktisch inexistent, einen lukrativen Aufschwung genommen. Auffällig sei, dass das undurchsichtige Transplantationsbusiness zu florieren begonnen habe, als die massive Repression von Falun-Gong-Anhängern einsetzte – jener Praktikanten eines esoterischen Kultes, die die chinesischen Behörden für eine „böse Sekte“ halten und gnadenlos verfolgen. Allein aus Kanada, so Matas und Kilgour, reisten jährlich „mehrere hundert“ Kranke nach China, um sich Organe einpflanzen zu lassen, die sie für ihr Überleben brauchen. Die Indizienkette, die die beiden präsentieren, ist jedenfalls dicht genug, dass jetzt auch die Vereinten Nationen formell Aufklärung verlangen. Manfred Nowak, der Wiener Menschenrechtsjurist und UN-Sonderberichterstatter für Folter, hat der chinesischen Regierung eine Frist gesetzt, die diese Woche ausläuft, die Vorwürfe detailliert auszuräumen. Höchstgradig „untersuchungswürdig“ sei die Sache, da vieles darauf hindeute, „dass auch Menschen hingerichtet werden, die noch nicht einmal verurteilt sind, sondern die nur zwecks Organentnahme getötet werden“ (siehe Interview weiter unten). Im Klartext: Damit Kranke aus den USA, Kanada, Saudi-Arabien und vielen anderen Ländern überleben können, werden in China Menschen hingerichtet, die möglicherweise nicht hingerichtet würden, wenn es keine Nachfrage nach Organen gäbe. In China werden mehr Exekutionen durchgeführt als in allen anderen Ländern der Welt zusammen, wie viele exakt, ist unbekannt. Offizielle Zahlen gibt es nicht, moderate Schätzungen gehen von 1.700 jährlichen Hinrichtungen aus. In den vergangenen sechs Jahren, sind in China nachweislich 60.000 Organtransplantationen durchgeführt worden. Selbst wenn jedem Todeskandidaten mehr als ein Organ entnommen würde, würden die Hinrichtungen nicht für eine derart hohe Zahl an Organspenden reichen. So steht der Verdacht im Raum, dass abseits des „regulären“ Exekutionsregimes Menschen Zwecks Organentnahme getötet werden – um den Markt zu befriedigen. Der Grund für die explodierende Nachfrage ist natürlich der weltweite Mangel an Spenderorganen – wenngleich er in manchen Ländern dramatischer, in manchen Ländern weniger dramatisch ist. Wer ein Herz oder eine Lunge braucht, und sie in seiner Heimat nicht bekommt, ist praktisch auf die Dienste der chinesischen Exekutionsmedizin angewiesen. Wer eine Niere benötigt, hat größere Auswahl: In der Türkei, in Indien, auf den Philippinen, in Indonesien – in vielen Schwellen- und Dritte-Welt-Ländern stehen genügend Arme bereit, die sich für 1000 Euro (Indien) oder 7000 Euro (Peru) eine Niere entnehmen lassen – zum Wohle eines reichen Organempfängers. Schließlich hat der Mensch bekanntlich zwei Nieren und kann auch mit einer weiter leben – aber nur ein Herz und eine Leber. (...) Manfred Nowak sitzt im vierten Stock des Schottensstiftes, einem idyllischen Eck im 1. Bezirk in Wien, wohin das Ludwig-Boltzmann-Institut für Menschenrechte eben übersiedelt ist und blättert durch seinen Briefwechsel mit den chinesischen Behörden. „Der Markt hat eine Nachfrage nach billigen Organen und sucht sich das Angebot“, sagt der UN-Sonderberichterstatter. Moralisch fragwürdig ist das in jedem Fall. „Aber das, was China vorgeworfen wird, ist schon noch von einer anderen Qualität. Hier trifft der Marktmechanismus mit einem staatlichen Unterdrückungsmechanismus zusammen.“ Markt, Autoritarismus, globale Ungleichheit – eine fatale Mischung. Ungläubig blickt Nowak in einen Brief der chinesischen Regierung, in der sie die Vorwürfe pauschal zurückweist. Zwei Seiten. „Das reicht sicher nicht“, sagt Nowak. Denn die Indizienkette, die der kanadische Mata-Kilgour-Report dokumentiert, ist einfach zu stichhaltig. Stellenweise bleibt einem bei der Lektüre des Reports der Atem weg. So hatten chinesische Mitglieder des Rechercheteams einfach in Spitälern angerufen und sich als potentielle Kunden ausgegeben. Auf die Frage, ob er denn auch Organe junger, gesunder Falun-Gong-Anhänger im Angebot habe, antwortet etwa der ärztliche Leiter eines Transplantationsteams: „Ja, haben wir für gewöhnlich“ – „Und jetzt auch?“ – „Ja.“ Ein anderer Chirurg rät der Patientin, sie solle sich an das Universitätskrankenhaus in Guangzhou wenden. „Die haben Organe von Falun-Gong-Leuten?“ – „Korrekt“ – „Die Organe kommen von gesunden Falun-Gong-Praktikanten?“ – „Korrekt. Wir wählen die Guten aus, weil wir die Qualität unserer Transplantationen garantieren wollen.“ – „Wie alt sind die Spender üblicherweise?“ – „In ihren Dreißigern“. So laufen Kundengespräche ab, wenn das Marktsystem und ein staatliches Repressionssystem eine makabre Liaison eingehen. China hat, werben die Kliniken ohne jede Scham, die Kooperation von Medizinern, Regierung „und Gerichten“ (!) perfektioniert. Wie ein geschmackloser Witz scheinen manchmal die alten Banner mit den kommunistischen Parolen, die an den Spitälern hängen. Einer der Slogans, die da im Wind flattern, lautet: „Den Menschen in den Mittelpunkt stellen.“ Manfred Nowak, Menschenrechtsjurist und UN-Sonderberichterstatter, über seine Untersuchungen gegen die chinesische Regierung.
Sie haben sich auf Basis des kanadischen Reports zur Untersuchung der Vorwürfe entschlossen. Wie dicht ist das dokumentierte Material? Nowak: Die beiden Kanadier kommen zu klaren Schlussfolgerungen. Die Indizienkette, die sie dokumentieren, gibt ein stimmiges Bild, das sehr zur Besorgnis Anlass gibt. Welche Indizien genau? Nowak: Dass Falun Gong seit 1999 sehr unterdrückt wird, ist ein Faktum. Ebenso unbestreitbar ist, dass ab dem Beginn der Repression gegen Falun Gong die Anzahl an Organtransplantationen massiv zugenommen hat. Auch die offizielle chinesische Medizinerorganisation weist in ihren Statistiken aus, dass es zwischen dem Jahr 2000 und dem Jahr 2005 60.000 Organtransplantationen gegeben hat. Können die nicht auch freiwillig gespendet worden sein? Nowak: Das ist zumindest sehr untersuchungswürdig, da in der chinesischen Gesellschaft, aus religiös-kulturellen Gründen, keine allzu große Bereitschaft besteht, freiwillig lebend oder nach dem Tod Organe zu spenden. Das wird von den chinesischen Behörden auch offen zugegeben. Auch der Vizegesundheitsminister hat eingeräumt, dass ein Großteil der transplantierten Organe von Personen stammt, die hingerichtet wurden. Dann ist die Sache doch eigentlich klar? Nowak: Nun, die chinesische Seite beharrt darauf, dass die Organspenden freiwillig seien. Wir wissen nicht, wie viele Menschen hingerichtet werden, weil die chinesische Regierung die einzige der Welt ist, die keine diesbezüglichen Statistiken veröffentlicht. Entsprechende Daten von Nichtregierungsorganisationen wie Amnesty International und anderen liegen zwischen 1500 und 4000 Hingerichteten jährlich. Was den kanadischen Report angeht, so sieht man, dass es einen regelrechten Markt und eine sehr große Bereitwilligkeit, etwa von Spitälern, gibt, potentiellen Kunden entgegenzukommen. Sie versprechen, die Anforderungen in sehr kurzer Zeit zu erfüllen. Innerhalb von wenigen Wochen erhält man ein Organ. Das setzt einen hohen Organisationsgrad voraus. Das heißt, es werden Menschen hingerichtet, wenn ein Kunde kommt? Nowak: Die Vorwürfe gehen in die Richtung, dass auch Menschen hingerichtet werden, die noch nicht einmal verurteilt sind, sondern die nur zwecks Organentnahme getötet werden. Kurzum: Es werden Menschen hingerichtet, die nicht hingerichtet werden würden, gäbe es keine Nachfrage? Nowak: Das genau ist der Kern des Vorwurfs. Hinzu kommt, dass Falun-Gong-Anhänger, aufgrund ihres Lebenswandels und der soziologischen Typologie der Mitglieder ideale Organspender sind: Sie rauchen nicht, trinken nicht, und sind meist im Alter von 25 bis 35 Jahren. Der Fall scheint klar? Nowak: Ich selbst möchte dazu noch kein Urteil abgeben, da meine Untersuchungen noch im Gange sind und ich noch wichtige Informationen der chinesischen Regierung erwarte. Der kanadische Bericht enthält keine wirklichen Beweise, aber viele schlüssige Indizien. Die Anschuldigungen von Falun Gong - z.B. dass in einem Spital bei Sujiatun (Provinz Shenyang) allein 6000 ihrer Anhänger zum Zweck des Organhandels getötet wurden, scheint jedenfalls überzogen und wird selbst von prominenten Regierungskritikern wie Harry Wu, mit dem ich zu dieser Frage ausführlich in Washington gesprochen haben, kategorisch in Abrede gestellt. Die Vorwürfe sind so massiv, dass ich mich dazu erst dann äußern werde, wenn es wirkliche Beweise gibt. Jetzt ist jedenfalls die chinesische Regierung am Zug, die Indizienkette Punkt für Punkt durch entsprechende Fakten (z.B. die genaue Zahl der Hinrichtungen, die genaue Herkunft der transplantierten Organe) zu entkräften. Die massiven und von verschiedenen Seiten erhoben Vorwürfe einfach pauschal zurückzuweisen reicht jedenfalls nicht aus.
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