[] SonntagsZeitung (CH): «Ich bin tot, ich bin tot, ich bin tot»
Menschenverachtende Methoden in Chinas Gefängnissen: Nur mit Glück konnte Liu Wei ihre Organe behalten
Von Sebastian Ramspeck
Dass es eine Frage von Leben oder Tod war, ahnte Liu Wei nicht: «Gab es in Ihrer Familie Erbkrankheiten?» Liu wusste nicht einmal, wonach der Gefängnisarzt sie eigentlich gefragt hatte, und erkundigte sich: «Erbkrankheiten, was ist das?» Der Arzt erklärte, gab Beispiele, schliesslich bejahte Liu: «Mein Grossvater ist an einer Herzkrankheit gestorben.»
Vieles deutet darauf hin, dass Liu beinahe Opfer jener grausamen Praxis geworden wäre, die der kanadische Ex-Staatssekretär David Kilgour in seinem 2009 erschienenen Buch «Bloody Harvest» («Blutige Ernte») beschrieben hat: Das chinesische Regime habe in den vergangenen Jahren viele Gefangene töten lassen und ihnen dann Herz, Niere und Lunge entnommen. Der Organraub kompensiere den Mangel an freiwilligen chinesischen Spendern.
16 Monate verbrachte Liu in chinesischen Gefängnissen und einem Arbeitslager, sie wurde gefoltert, musste 15 Stunden pro Tag Pullover stricken, durfte nicht schlafen. Ihr Vergehen: Sie war Anhängerin der Meditationsschule Falun Gong, welche die chinesische Regierung 1999 verboten hatte, sie vervielfältigte heimlich Flugblätter - und flog auf.
«Niemand im Lager kümmerte sich um meine Gesundheit», erinnert sich Liu Wei, «trotzdem musste ich fünfmal zu einem Arzt, um mich untersuchen zu lassen.» Der zierlichen Frau wurde Blut entnommen, mit Ultraschall wurde sie auf Herz und Nieren geprüft.
90 Prozent der Organe stammen von Hingerichteten
Heute glaubt Liu, dass das Resultat der Untersuchungen ihr möglicherweise das Leben rettete: «Die Qualität meiner Organe ist nicht so gut, zum Glück.» 2003 wurde sie aus der Haft entlassen, ein Jahr später floh sie mit ihrem Mann nach Deutschland.
Dass vor allem Falun-Gong-Anhänger herhalten müssten, dafür gibt es Kilgour zufolge zwei Gründe: Die Meditationsschüler gelten als besonders gesund, rauchen und trinken nicht, treiben viel Sport. Und ihre Bewegung erlangte in den 1990er-Jahren eine derartige Popularität, dass das chinesische Regime sein Machtmonopol bedroht sah. Es wirft Falun Gong denn auch vor, als Psychosekte Mitglieder in den Selbstmord zu treiben.
Für «Bloody Harvest» erhielt Kilgour vor zwei Wochen in Bern den Menschenrechtspreis der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM). Der Ex-Staatssekretär untermauert seine Kritik am chinesischen Regime mit Berichten ehemaliger Häftlinge und anderen Indizien.
So gaben sich chinesischsprachige Mitarbeiter als potenzielle Organempfänger aus, erkundigten sich bei Krankenhäusern nach Falun-Gong-Organen und verwickelten Ärzte in makabre Beratungsgespräche.
Es gebe doch Arbeitslager mit Falun-Gong-Anhängern, denen Organe aus dem Leib geschnitten würden, erkundigte sich ein Anrufer. «Ja, ja», antwortete ein Arzt eines Universitätsspitals in Xian laut Protokoll: «Aber uns interessiert nur die Qualität, die Herkunft kümmert uns nicht.»
Sogar der stellvertretende chinesische Gesundheitsminister Huang Jiefu räumte vor zwei Jahren ein, dass etwa 90 Prozent der in China transplantierten Organe von Hingerichteten stammten - deren Zahl auf mehrere Tausend pro Jahr geschätzt wird.
Doch nicht nur die Regierung in Peking, auch die Pharmaindustrie steht in der Kritik. Am Mittwoch erhielt der Schweizer Konzern Roche in Davos den Public Eye Award.
Roche, so die Begründung für den Schmähpreis, führe in China Studien für das Transplantations-Medikament Cellcept durch und könne nicht ausschliessen, dass dafür auch Organe von Hingerichteten verwendet würden. Roche erwidert, die «Beschaffung der Organe» sei weder in China noch anderswo Aufgabe eines Pharmakonzerns. Dafür gebe es in China «Prüfzentren», die sich an Auflagen zu halten hätten.
«Was in China passiert, ist unvorstellbar», sagt Franz Immer, Direktor von Swisstransplant, der Schweizer Organspende-Stiftung. «Die Falun-Gong-Anhänger bilden eine lebende Organbank, sie werden regelrecht katalogisiert.» Tausende Einträge habe die Bank, jeder einzelne könne den Tod bedeuten. Er habe jedoch den Eindruck, dass Konzerne wie Roche «sehr vorsichtig» agierten.
Liu Wei hat überlebt. Auf Einladung von IGFM und Swisstransplant ist die 37-Jährige nach Bern gekommen, um von ihrem Schicksal zu berichten. Auch einem Diplomaten des Schweizer Aussendepartements konnte sie ihre Erlebnisse schildern.
Nun sitzt sie in einem Café und blickt durch eine Panoramascheibe aufs winterliche Bern und sagt: «Es ist gut, dass ich hierher gekommen bin, es ist gut, dass ich Herrn Immer getroffen habe.»
Bibliothek und Computer gab es nur für die Besucher
Erst im Gespräch mit dem Swisstransplant-Chef begann Liu den Zweck der Untersuchungen im Lager zu begreifen. Die Ärzte mussten bei ihren Organen «Mängel» diagnostiziert haben. Das war möglicherweise die Antwort auf die Frage, die sie sieben Jahre lang beschäftigte: Warum habe ich überlebt?
Immer wieder während ihrer Gefangenschaft musste Liu stundenlang regungslos stehen, sitzen, sich verrenken. Jedes Zucken wurde mit Schlägen oder Tritten bestraft, mehrmals brach sie zusammen: «Einmal dachte ich: Ich bin tot, ich bin tot, ich bin tot.»
Irgendwann unterschrieb sie eine «Verzichtserklärung», mit der sie Falun Gong offiziell abschwörte. «Aber nur wegen der Folter», sagt Liu, «Falun Gong ist gut für meinen Körper!»
Nach verschiedenen Medienberichten hat die chinesische Regierung mittlerweile das «Büro 610» aufgelöst, eine Geheimpolizei zur Verfolgung von Falun Gong und anderen religiösen Minderheiten. 2007 trat ein neues Transplantationsgesetz in Kraft, wonach auch zum Tode Verurteilte frei entscheiden können, ob sie ihre Organe spenden wollen.
Für Menschenrechtsexperten wie Danièle Gosteli Hauser von Amnesty International klingt das wie Hohn: «Bei Gefangenen, die vor einer Hinrichtung stehen, kann man nicht ernsthaft von ?Zustimmung? reden.»
Auch Liu misstraut dem Regime. Zumal es in ihrem Arbeitslager «saubere Toiletten, sogar eine Bibliothek und einen Computerraum» gegeben habe. Doch die Gefangenen hätten all dies nicht benutzen dürfen: «Die waren nur für die Besucher da, um zu zeigen, dass China Fortschritte macht.»
Publiziert am 31.01.2010 von: sonntagszeitung.ch
http://www.sonntagszeitung.ch/suche/artikel-detailseite/?newsid=117927
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