19. August 2008 - Leeshai Lemish blickt zurück und ergründet die Kampagne der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) gegen Falun Gong. "Wenn Falun Gong gutartig ist, warum fürchtet sich die chinesische Regierung davor?" Nach neun Jahren der Verfolgung bleibt diese grundlegende Frage immer noch dieselbe. Ich werde versuchen, hier eine Antwort darauf zu geben.
In den 80er Jahren waren die Parks in China morgens mit 200 Millionen Menschen randvoll, die langsame Übungsbewegungen, bekannt als Qigong, ausführten. Im Jahre 1992 führte Meister Li Hongzhi Falun Gong ein, nach außen hin eine Qigong Praktik, wie jede andere. Doch nur Meister Li legte die Betonung nicht auf Heilung oder übernatürliche Fähigkeiten, sondern auf die Selbstkultivierung hin zu spiritueller Vollendung.
Falun Gong wurde geradezu zu einem augenblicklichen Schlager. Meister Li reiste durch ganz China, um in die Praktik und ihre Prinzipien einzuführen. Die Worte Falun Gong verbreiteten sich rasch und es konnte in Tausenden Parks angetroffen werden. Die chinesische Botschaft in Paris lud Meister Li ein, in ihrem Auditorium zu unterrichten und eine offizielle Studie ergab, dass Falun Gong dem Lande Millionen an Gesundheitskosten einsparte.
Und dann im Juli 1999 war Falun Gong plötzlich der öffentliche Feind Nummer Eins. Praktizierende wurden zur „Umerziehung durch Arbeit" in Arbeitslagern verurteilt, wo sie hungern mussten, geprügelt und mit Elektrostäben gefoltert wurden. Bis zum Jahre 2008 gibt es mehr als 3.000 dokumentierte Todesfälle von Praktizierenden, die bei der staatlichen Verfolgung getötet wurden. Zunehmend solide Beweise lassen annehmen, dass weit mehr zum Ziel unfreiwilliger Spenden von Nieren, Lebern und Herzen geworden sind. Wie viel mehr, wissen wir nicht.
Warum dann diese groteske Verfolgung?
<b>Schwache Erklärungen</b>
Angesichts internationaler Kritik und der heimischen Sympathie für Falun Gong, versuchte die herrschende kommunistische Partei Chinas diese Kampagne zu rationalisieren. Sie behauptete, Falun Gong sei eine Bedrohung für die Gesellschaft - eine abergläubische, vom Ausland gesteuerte, straff organisierte, gefährliche Gruppe von Meditierenden. Staatlich gelenkte Medien brachten grausame Geschichten über Selbstverstümmelung und Suizid, doch Außenstehende dürfen diese nicht überprüfen. Wenn es jemandem doch gelingt, solche Fälle auf ihre Richtigkeit zu untersuchen, stoßt man auf Geschichten von Personen, die nicht existieren und Verbrechen, die von Menschen begangen wurden, die nichts mit Falun Gong zu tun haben. Human Rights Watch bezeichnet die offiziellen Behauptungen als ‚Schwindel'.
Einige westliche Akademiker meinten, die Parteiführer fürchteten Falun Gong, weil es sie an gegen Religionen gerichtete Rebellionen aus der Vergangenheit erinnern würde. Doch die breit gefächerte Parallele ignorierte, wie blutig diese Gruppen waren - die oft zitierte Taiping zum Beispiel, war verantwortlich für 20 Millionen Tote. Falun Gong war und ist strikt gewaltlos und hatte keine aufständischen Absichten.
Eine letzte fehlerhafte Erklärung ist, dass die Versammlung vom 25. April 1999 von 10.000 Falun Gong-Praktizierenden im politischen Herzen von Peking die Parteiführer aufschreckte und die Unterdrückung, die dann folgte, auslöste.
Doch die friedliche Demonstration ereignete sich tatsächlich erst drei Jahre nach einer eskalierenden staatlichen Unterdrückung, die bereits stattgefunden hatte. In Wirklichkeit war sie eine direkte Antwort auf die Verhaftung und Verprügelung von Praktizierenden im nahe gelegenen Tianjin und auf eine Verleumdungskampagne in den Medien gegen sie.
<b>Die Erklärung des einzelnen Führers</b>
Der Vorfall war ausschlaggebend, doch aus unterschiedlichen Gründen. An diesem Apriltag empfing Premierminister Zhu Rongji Mitglieder der versammelten Gruppe und hörte sich ihre Beschwerden an. Die Verhafteten wurden freigelassen. Praktizierende, die dort waren, erzählten mir, dass sie sich ermutigt gefühlt hätten, durch die offene Kommunikation zwischen der Regierung und ihren Leuten.
Doch in dieser Nacht ließ dann der Vorsitzende Jiang Zemin, Zhu's versöhnliche Haltung abblitzen. Er bezeichnete Falun Gong als Bedrohung für die Partei und sagte, es würde einem internationalen Gesichtsverlust gleichkommen, wenn Falun Gong nicht augenblicklich niedergeschlagen werde. In der Tat schreiben viele Experten die Kampagne ebenso sehr Jiangs Eifersucht auf Falun Gong zu, als auch manch anderen Faktoren.
<b>Die Erklärung der Popularität</b>
Was Jiang und andere Parteihardliner (von denen einige noch in Spitzenpositionen sind und die Kampagne weiterführen) so erschreckte war, wie populär und durch alle Gesellschaftsschichten gehend, Falun Gong geworden war. In nördlichen Städten praktizierten Arbeiter gemeinsam auf Fabrikhöfen Falun Gong, bevor sie sich den Maschinen zuwandten. Professoren und Studenten meditierten auf dem Rasen der Tsinghua Universität. Die Gemahlinnen der Parteiführer und langjährigen Kader hatten ihre eigenen kleinen Gruppen in Zentralpeking.
Diese Angst vor Falun Gongs Popularität erklärt, warum sein Hauptwerk, Zhuan Falun, wenige Wochen, nachdem es zum Bestseller geworden war, im Jahre 1996 verboten wurde. Und warum, als ein Regierungsbericht schätzte, dass es über 70 Millionen Falun Gong-Praktizierende, also mehr als Parteimitglieder gibt, Sicherheitsagenten anfingen, die Übungstreffen zu stören.
<b>Die rücksichtslose Partei-Staat Erklärung</b>
Jahrzehntelang hat die Partei unterschiedliche Gruppierungen durch politische Bewegungen verfolgt - Intellektuelle, Künstler, Angestellte, Konservative, Reformisten. Manche waren Ziel, weil sie außerhalb der Parteikontrolle standen oder ihre eigenen Ideologien hatten. Falun Gong, mit seinen spirituellen Lehren, seinem Gemeinsinn und unabhängigem Netzwerk, fällt auch unter diese Kategorie.
Andere werden zur Zielgruppe, wenn die Parteiführer manövrieren, um ihre Macht anzugleichen. Falun Gong scheint auch dafür ein Opfer zu sein, da die Verfolgung einen Vorwand zur Stärkung des Staatssicherheitsapparates lieferte. Sie bescherte der Partei eine Gelegenheit, ihren Mechanismus zu ölen - von Säuberungen im Stil der Kulturrevolution bis hin zu Internetüberwachungssystemen.
Als überlebendes Folteropfer sagte mir Zhao Ming in Dublin, die Verfolgungsmaschinerie der Partei gab es schon - Jiang drückte nur noch auf das Knöpfchen.
Den Originalartikel im New Statesman finden Sie hier:
http://www.newstatesman.com/blogs/the-faith-column/2008/08/falun-gong-party-chinese