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[03.09.2006]
„Chinas Gewissen“ gekidnappt

Menschenrechtsanwalt Gao in China in Gefahr


Heftiges Klopfen an der Tür, Polizisten dringen ein, eine Frau wird gefesselt und in ein Nebenzimmer gesperrt. Ihr Bruder, Rechtsanwalt Gao Zhisheng, wird geknebelt, ein schwarzer Sack wird ihm über den Kopf gestülpt und er wird abgeführt mit unbekanntem Ziel. Als „das Gewissen Chinas“ ist der Anwalt über die Grenzen von China bekannt und bewundert, weil er die Verfolgten und Verfemten in China angehört und ihre Berichte soweit möglich auch im Ausland veröffentlich hat. Seine Anwaltskanzlei wurde geschlossen. Wer hat ein Interesse daran, ihn zum Schweigen zu bringen?

Gao Zhisheng mit Frau und Tochter.
Gao zählt zu den profiliertesten Anwälten Chinas; ein Selfmademan, der aus bäuerlichen Verhältnissen kommend zu den einflussreichsten Chinesen avancierte. Gao, der – im weißen Hemd und mit Krawatte – über Wohnungseigentum und Auto verfügt, hatte es geschafft. Doch seine Wurzeln, seine familiären Bindungen, hat er nie vergessen. Und auch nicht, wofür er angetreten war als Anwalt voller Zukunftsglauben, nämlich für die Gerechtigkeit.

Die Grenzen zieht die Partei

Um Gerechtigkeit bemüht, verteidigte er demokratische Oppositionelle, Angehörige religiöser Gruppen und Falun Gong-Praktizierende, soweit dies überhaupt möglich war. Damit überschritt er eindeutig die von der politischen Zentrale gezogene unsichtbare Grenze seiner Handlungsspielräume. Gao ließ sich jedoch nicht einschüchtern.

Schikanen, körperliche Angriffe, inszenierte Autounfälle und Beleidigungen gegen ihn folgten. Ein Pulk zivil gekleideter Geheimdienstmitarbeiter lief ihm, seiner Frau und seiner zwölfjährigen Tochter überall hinterher. Selbst das kleine Mädchen wurde regelmäßig auf dem Weg zur Schule angerempelt. Männer traten ihr absichtlich auf den Fuß. Das Drangsalieren der Familie wurde immer unerträglicher.

Der Helfer braucht selbst Hilfe

Tatsächlich wurde Gao nun am 15. August 2006 verhaftet. Gao Zhisheng ist damit tief gefallen, und man kann ihn sich als Verhafteten so vorstellen: Ein von Schlägen verquollenes Gesicht, ausgeschlagene Zähne, zerrissenes, blutverschmiertes Hemd. In den Augen der Schrecken der furchtbaren Erlebnisse und die Angst um seine Familie: seine Frau, die zwei Kinder, die Geschwister, die Neffen, die alle in Sippenhaft verfolgt und schikaniert werden. Gao Zhisheng könnte jetzt widerfahren, was denen widerfuhr, die er bisher verteidigt hat. Jetzt braucht er selbst Hilfe.

Solange Gao lebt, wird er als starke Persönlichkeit und wegen seines christlichen Glaubens nicht von der Hoffnung lassen, dass dieses Opfer in naher Zukunft Früchte bringt. Gao hofft auf ein demokratisches China, in dem die Menschenrechte respektiert werden. Und da dies der Wunsch von Abermillionen Chinesen ist, ist der Weg dahin nicht aufzuhalten. Einzelne Menschen kann man wegsperren, brechen oder beseitigen. Hingegen ist eine historische Strömung nicht durch den Willen einiger Despoten aufzuhalten.



       

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