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Teil I: Einführung
Teil II: Gewalt gegen Frauen
Teil III: Familien entzweit
Teil IV: Todesfälle und Fallstudien
Teil IV: Todesfälle und Fallstudien

Fallstudie 1: Eine Familientragödie

Wall Street Journal: Mutter zu Tode gefoltert; Tochter verhaftet

Von Ian Johnson

Was uns stark an die Kulturrevolution erinnert, ist, dass die Verfolgung von Falun Gong-Praktizierenden durch die chinesische Regierung in erschreckender Weise zunimmt, sodass nun auch Familienmitglieder in Mitleidenschaft gezogen werden. Unzählige Familien wurden zerrüttet und viele Kinder ohne ihre verhafteten Eltern allein zurückgelassen. Dies ist ein Bericht über eine zu Tode gefolterte Mutter und ihre Tochter, die verfolgt wurde, weil sie versuchte, die Täter vor Gericht zu stellen.

Chen Zixiu, 59 Jahre, Falun Gong-Praktizierende, wohnhaft Beiguan-Straße, Xujia, in der Stadt Weifang, Provinz Shandong:

Am 21. Februar 2000 starb Frau Chen nach drei Tagen brutaler Folter an ihren Verletzungen, weil sie sich weigerte, ihre Überzeugung aufzugeben.

Chen Zixius Tochter, Zhang Xueling, beschritt den Rechtsweg, um die Täter festzustellen. Ihre Bemühungen waren jedoch vergeblich. Nach Veröffentlichung ihrer Geschichte im Wall Street Journal wurde sie sogar selbst festgenommen.

Wall Street Journal: Das Üben von Falun Gong ist ein Recht, sagte Frau Chen bis zu ihrem letzten Tag (Auszug)

(Von Ian Johnson, Reporter des Wall Street Journals, 20.04.2000)

WEIFANG, China - an dem Tag vor dem Tod von Chen Zixiu forderten ihre Wärter erneut von ihr die Aufgabe ihres Glaubens an Falun Dafa. Kaum bei Bewusstsein nach den wiederholten Stößen mit dem elektrischen „Vieh-Stupser“, schüttelte die 58-Jährige hartnäckig den Kopf.

Die örtlichen Beamten befahlen Frau Chen daraufhin wütend, barfuss im Schnee zu laufen. Nach zwei Tagen Folter waren ihre Beine voller Blutergüsse, ihr kurzes schwarzes Haar mit Eiter und Blut verklebt. Das sagten ihre Zelleninsassen und andere Gefangene, die den Vorfall miterlebten. Sie kroch nach draußen, übergab sich und brach zusammen. Sie kam nie wieder zu Bewusstsein und verstarb am 21. Februar ...

Handlungsvollmacht

... Frau Chen wurde in den Raum zurückgebracht. Als sie sich wieder weigerte, Falun Gong aufzugeben, wurde weiter mit dem Elektroschocker auf sie eingeschlagen, sagten zwei Gefangene, die den Vorfall mit anhörten. Ein anderer hatte einiges davon durch die Tür beobachtet ... Die Beamten von Weifang ließen Frau Chen wissen, dass ihnen von der Zentralregierung gesagt worden sei, „keine Maßnahmen sind zu übertrieben“, um Falun Gong zu vernichten. Die harten Schläge gingen weiter und hätten nur aufgehört, wenn Frau Chen ihre Einstellung geändert hätte, erklärten zwei Gefangene, die das Geschehnis mit angehört hatten.

Zwei Stunden später wurde sie zurück in ihre Zelle auf der zweiten Etage des Hauptgebäudes gestoßen, in einen unbeheizten Raum, mit einer Stahlplatte als Bett. Ihre drei Zellengenossinnen versorgten notdürftig ihre Wunden, dann fiel sie ins Delirium. Eine der Zellengenossinnen erinnerte sich an ihr Stöhnen: „Mami, Mami.“

Am nächsten Morgen, dem 20.02.2000, wurde ihr befohlen zu rennen. „Ich sah vom Fenster aus, dass sie nur noch mit Schwierigkeiten kriechen konnte“, schrieb eine Zellengenossin in einem von ihrem Mann herausgeschmuggelten Brief. Frau Chen brach zusammen und wurde in die Zelle zurückgeschleift.

Behandlung abgelehnt

„Ich war Militärarzt im Range eines Majors. Als ich sah, dass sie im Sterben lag, schlug ich vor, sie in ein anderes [beheiztes] Zimmer zu bringen,“ schrieb die Zellengenossin in ihrem Brief. „Stattdessen gaben ihr Mitarbeiter der örtlichen Behörden ‚sanqi’, Kräutertabletten gegen leichte innere Blutungen. Sie konnte nichts mehr schlucken und spuckte sie wieder aus. Die Zelleninsassinnen baten die Beamten, Frau Chen in ein Krankenhaus zu überführen, aber das wurde verweigert“, sagte ihre Mitinsassin. „Erst lange Zeit später ließen sie einen Arzt zu, der sie für gesund erklärte.“

Die Zellengenossin schrieb „Sie war gar nicht bei Bewusstsein, sprach auch nicht mehr und spuckte nur eine dunkle, klebrige Flüssigkeit. Wir nahmen an, dass es Blut war. Erst am nächsten Morgen gaben sie zu, dass sie wohl sterben werde.“ Ein Angestellter des örtlichen Büros für öffentliche Sicherheit, Liu Guangming: „Als er versuchte ihren Puls zu fühlen, erstarrte sein Gesicht.“ Frau Chen war tot.

Nach Aussage von Frau Zhang und der ihres Bruders kamen an diesem Abend Beamte zu ihr und sagten, dass ihre Mutter krank sei. Sie wurden in ein Auto geladen und zu einem Hotel gefahren, das ca. eine Meile von der Strafanstalt entfernt lag. Das Hotel war von Polizei umstellt. Der örtliche Parteisekretär sagte ihnen, Frau Chen sei an einem Herzinfarkt gestorben, aber sie würden ihnen nicht erlauben, den Leichnam zu sehen. Erst nach stundenlangen Diskussionen willigten die Beamten ein, dass sie den Leichnam sehen durften, allerdings erst am nächsten Tag, und sie bestanden darauf, dass sie die Nacht im schwer bewachten Hotel verbringen müssten. Die Geschwister lehnten ab und durften schließlich nach Hause gehen.

Eine Tasche voller Kleidung

Am 22. Februar wurden Frau Zhang und ihr Bruder zum örtlichen Krankenhaus gebracht, das auch von Polizei umgeben war. Ihre Mutter, erinnerten sie sich, lag in einem traditionellen Trauergewand auf einem Tisch: ein einfacher blauer Baumwollkittel über der Hose. In einer Tasche, die in die Ecke des Zimmers geworfen war, fanden sie die zerrissene und blutige Kleidung ihrer Mutter, die Unterwäsche war schlimm verschmutzt. Ihre Waden waren schwarz. Auf dem Rücken sahen sie sechs Zoll große Striemen. „Ihre Zähne waren herausgebrochen, ihr Ohr geschwollen und blau“, sagt Frau Zhang. Sie fiel in Ohnmacht und ihr weinender Bruder fing sie auf.

An diesem Tag gab das Krankenhaus einen Bericht über Frau Chen heraus. Er besagte, dass es sich um eine natürliche Todesursache gehandelt habe. Das Krankenhaus lehnt es ab, sich zu dem Vorfall zu äußern. Frau Zhang sagte, dass sie Beamte über die Kleidung, die sie gesehen hatte, befragte, aber diese sagten nur, dass ihre Mutter nach dem Herzinfarkt !!!!inkontinent!!!! geworden und deswegen ihre Kleidung so verschmutzt sei.

Frau Zhang und ihr Bruder versuchten Klage einzureichen, aber kein Rechtsanwalt wollte den Fall übernehmen. Bis über den angedrohten Rechtsstreit entschieden war, lag der Leichnam ihrer Mutter im Leichenschauhaus.

Dann, am 17. März, erhielt Frau Zhang einen Brief vom Krankenhaus, weil der Leichnam an diesem Tag eingeäschert werden sollte. Frau Zhang rief das Krankenhaus an, um dies zu verhindern. Die Beamten gaben keine klare Auskunft und antworteten nur, dass sie sich melden würden, taten dies aber nicht. Frau Zhang sah ihre Mutter nie wieder.

Wall Street Journal: Eine Tochter geht in China einen gefährlichen Weg, um Gerechtigkeit zu erlangen (Auszug)

(Von Ian Johnson, Reporter des Wall Street Journals 02.10.2000)

... Frau Zhang konnte den Tod ihrer Mutter nicht einfach so auf sich beruhen lassen. „Ich fühlte, dass etwas nicht richtig war und dass sie etwas vor mir verbargen“, sagt sie.

Sie sandte Briefe an den Staatsrat, die höchste Instanz der Zivilgewalt in China, und an lokale Medien, um nach Kopien der Sterbeurkunde ihrer Mutter zu forschen. Beide ignorierten sie, die Polizei hingegen nicht. Bis Ende April wurde sie von der Polizei 107 Stunden lang in zahlreichen Sitzungen über mehrere Wochen hinweg verhört und schließlich wegen „Verdrehens von Tatsachen und Störens der öffentlichen Ordnung“ zu 15 Tagen Gefängnis verurteilt.

Ihre Festnahme war ein einschneidendes Erlebnis. „Ich wurde tatsächlich mit gewöhnlichen Verbrechern zusammen eingesperrt und konnte am eigenen Leib erfahren, welche Ungerechtigkeit meiner Mutter widerfahren war“, sagt Frau Zhang. „Ich wollte so viel lernen, wie ich nur konnte, um die höheren Instanzen herauszufordern.“

Nach ihrer Freilassung kündigte sie ihre Stelle als Streichholz-Herstellerin und widmete ihre ganze Zeit dem Fall ihrer Mutter. Sie kaufte Gesetzes-Handbücher und fand heraus, wie sie an die behördlichen Dokumente gelangen und wie man Berufung einlegen konnte. Ihr Mann, ein Zimmermann, unterstützte sie in jeder Hinsicht. 

Nachdem ihre Geschichte im Wall Street Journal veröffentlicht worden war, wurde sie wieder festgenommen.

Laut einer am 1. November 2000 erhaltenen Information wurde Zhang Xueling, die Tochter von Frau Chen Zixiu, erneut wegen der Petition für ihre Mutter festgenommen. Bis heute sind ihr Aufenthaltsort und ihre jetzige Lage unbekannt.

Eine Tochter erinnert sich an ihre verstorbene Mutter

Das Folgende ist ein Auszug aus einer von Frau Zhang Xueling gemachten Erklärung vom 29. Februar 2000:

„Alle Menschen in unserer Umgebung wussten, wie gesund und fit meine Mutter war. Sie hatte solch einen bewundernswert gesunden und vitalen Körper, dass sie weder Medikamente einnehmen noch jemals den Arzt aufsuchen musste. Ich respektiere die Glaubenswahl meiner Mutter. Ihre Herzensgüte, Selbstlosigkeit und Offenheit wurden von allen um sie herum sehr geschätzt. Wir erinnern uns und vermissen jeden Tag ihre lebhaften Erzählungen. Wir bewundern ihren starken Willen, ihre Persönlichkeit und ihren Geist. Jeder in ihrer Umgebung wusste, dass sie ein guter Mensch war. Aber ihr Ende macht uns schrecklich traurig.

Solange ich lebe, kann ich keine Ruhe und keinen Frieden mehr finden, bis meiner Mutter Gerechtigkeit widerfahren sein wird. Liebe Mama! Wo kann ich Dich jetzt finden?“


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